Institut für Verkehrswesen

Historie

Die Vorgeschichte

Das Institut für Verkehrswesen blickt auf eine mittlerweile fast 60-jährige eigenständige Geschichte zurück. Weiter gefasst lässt sich die Institutsgeschichte bis hin in die Gründungphase des Polytechnikum Karlsruhe zurückverfolgen: So lehrte Johann Gottfried Tulla bis 1828 Wasser- und Straßenbau und damit die infrastrukturellen Voraussetzungen für die Modernisierung der Gesellschaft in der Zeit der industriellen Revolution. In dieser Tradition wurden in der Nachfolge für die kommenden 90 Jahre bis 1912 die Grundlagen des Wasser-, Straßen- und Eisenbahnbaus sowie des Städtebaus und der Stadtplanung an nur einem Lehrstuhl/Institut vermittelt. Mit der zunehmenden Ausdifferenzierung und Spezialisierung von Fachdisziplinen wurden Bau und Planung von Verkehrsinfrastruktur sowie der Städtebau nach dem Ausscheiden von Reinhard Baumeister 1912 in zwei Richtungen unterteilt: Dem Verkehrswegebau (einschließlich Fragen des Betriebs auf der Infrastruktur) auf der einen Seite und dem Städtebau auf der anderen. 1912 wurde Otto Ammann auf den Lehrstuhl für Verkehrswege berufen, sah aber dieses Fachgebiet offensichtlich breiter: Das Institut nannte sich in Folge Institut für Straßen- und Eisenbahnwesen. Otto Ammann (1912-1933) und sein Nachfolger Friedrich Raab (1933 – 1964) gründeten und pflegten ein der Universität Karlsruhe zugehöriges Verkehrsmuseum, in dem nicht nur der Bau und der Betrieb auf der Infrastruktur, sondern auch Fahrzeuge (Lokomotiven), Modelle von Fahrzeugen sowie Pläne gesammelt wurden.

Das Institut für Verkehrswesen

Mit der aufkommenden Motorisierung in den 1950ern sowie der Erkenntnis, dass neben der Erstellung der Infrastruktur auch der Betrieb auf der Straßeninfrastruktur und die Nachfragebestimmung zur Dimensionierung als gesondertes Fachgebiet anzusehen seien, wurde das „Infrastrukturinstitut“ in zwei Teile aufgegliedert. Während der bauseitige Teil beim Institut für Straßen und Eisenbahnwesen (einschließlich des Betriebs auf der Eisenbahninfrastruktur) verblieb, wurde das Institut für Verkehrswesen neugegründet. Dem Zeitgeist entsprechend war die Ausrichtung des Instituts insbesondere auf die „Straßenverkehrstechnik“, also der Gestaltung und Dimensionierung von Straßenverkehrsanlagen sowie dem verkehrlichen Betrieb darauf gewidmet. Institutsgründer war Prof. Wilhelm Leutzbach, der 1962 auf den Lehrstuhl berufen wurde. Er beschäftige sich in erster Linie mit grundsätzlichen Fragen der Messbarkeit, der mathematischen Beschreibung und auch der Modellierung von Verkehrsabläufen sowie mit Fragen der Leistungsfähigkeit des (Straßen-)Verkehrssystems. Zusätzlich beschäftigte er sich auch mit Fragestellungen zur Verkehrssicherheit sowie – hier fast wieder in der Tradition von Tulla – mit dem Betrieb auf Binnenwasserstraßen.

Mit der gesamtgesellschaftlichen und auch zivilisatorischen Erkenntnis aus den 1970ern und 1980ern, dass sich ausschließlich mit dem Bau von Infrastrukturanlagen Verkehrsprobleme nicht grundsätzlich lösen lassen, wurde 1991 Prof. Dirk Zumkeller als Nachfolger berufen. Er löste sich inhaltlich von der Verkehrstechnik und richtete sich in der Forschung in erster Linie auf die Erhebung, Beschreibung und letztendlich auch Abbildung des Mobilitätsverhaltens in Verkehrsnachfragemodellen aus – letztendlich auch in der praktischen Anwendung der Verkehrsplanung. Damit rückte zunehmend auch der (mobile) Mensch als Verkehrsteilnehmer zusätzlich zu den Verkehrswegen und dem Betrieb auf der Infrastruktur in den Fokus der Forschung.

Seit 2010 wird das Institut für Verkehrswesen von Prof. Peter Vortisch geleitet, welcher die Inhalte und damit auch die relevanten Teilgebiete für das Fach Verkehrswesen der beider Vorgänger in entsprechenden Fachabteilungen weiterverfolgt. Als eigener Forschungsschwerpunkt wurde insbesondere die Straßenverkehrstechnik wieder etabliert, hauptsächlich unter den Gesichtspunkten der Modellierung von Verkehrsabläufen unter Nutzung von Simulationsmodellen.

Das Institut für Verkehrswesen befasst sich heute mit den drei Schwerpunkthemen Messung und Modellierung von Verkehrsabläufen, der empirischen und analytischen Mobilitätsforschung sowie dem Aufbau und der Anwendung von Modellen des Verkehrsflusses und Modellen für Verkehrsplanungszwecke zur Abbildung der Wirksamkeiten von planerischen Interventionen auf das Mobilitätsverhalten. Aufgrund der im Verkehrsbereich ausgesprochen interdisziplinär gestalteten Fragestellungen ist in der Forschung auch eine entsprechende Herangehensweise zwangsläufig: In der Forschung arbeitet das IfV an den Schnittstellen zwischen den Ingenieurwissenschaften, der empirischen Sozialforschung, der Geographie, der Stadtplanung sowie – nicht zuletzt wegen der Komplexität und großen Datenmengen und wegen des Stellenwertes der Simulation – der Informatik. Aktuell (2020) sind am Institut für Verkehrswesen insgesamt ca. 25 MitarbeiterInnen beschäftigt, darunter diplomierte Bauingenieure, Wirtschaftswissenschaftler, Informatiker, Raum- und Stadtplaner und Maschinenbauer.

Das Institut arbeitet seit vielen Jahren erfolgreich sowohl mit öffentlichen Institutionen aus der Politik und der Verwaltung als auch anderen Forschungsinstitutionen und der Mobilitätsindustrie – Fahrzeugherstellern wie auch öffentlichen und privaten Mobilitätsdienstleistern – zusammen. Dabei wird das Institut für Verkehrswesen trotz der eher geringen Größe in der deutschen Verkehrsforschungslandschaft als relevanter und vielfach angefragter Player mit einem breiten Profil wahrgenommen.

Mit der Gründung des KIT 2006 als Fusion des Forschungszentrums mit der Universität Karlsruhe (TH) haben sich die Kooperationen sowie die Organisationsstrukturen verändert. Neben der traditionellen Einordnung in Fakultäten (eher im Bereich der Lehre) existiert eine weitere Struktur in sogenannten Zentren. Hier ist das IfV dem KIT-Zentrum „Mobilitätssysteme“ zugordnet, welches die Forschungsaktivitäten zur Mobilität von ca. 40 KIT-Instituten im weitesten Sinne zusammenführt. Die Inhalte erstrecken sich von Antriebssystemen und Fahrzeugkonzepten über Verkehr und Logistik sowie Produktionstechnik bis hin zu Infrastruktur, Mobilitätsverhalten und den Auswirkungen auf und Wechselbeziehungen in die Gesellschaft. Gerade in diesem Umfeld nimmt das Institut für Verkehrswesen mit der traditionell ausgesprochen interdisziplinären Ausrichtung eine zentrale Schnittstellenfunktion ein, was sich in befruchtenden und erfolgreichen Kooperationen in unterschiedlichsten Kontexten manifestiert.

Das Institutsgebäude

Das heutige Institutsgebäude („Verkehrstechnisches Institut“) blickt auf eine wechselhafte Geschichte und unterschiedliche Nutzungen zurück: Es wurde zwischen 1777 und 1779 nach Plänen Wilhelm Jeremias Müller im sogenannten Zopfstil errichtet, und diente zunächst als Jagdzeughaus des Markgrafen von Baden. Im Zuge der napoleonischen Kriege und zu der Zeit als Baden von Frankreich abhängig war, wurde das Zeughaus in ein Militärdepot umgewandelt. Dieses stellte während der Badischen Revolution 1849 einen wichtigen Schauplatz dar, als vom 13./14 Mai 1849 ein Gefecht um die im Gebäude gelagerten Waffen zwischen der (dem Großherzog ergebenen) Bürgerwehr und aufständischen Soldaten mit insgesamt acht Gefallenen stattfand. Dieses Gefecht und damit auch das Gebäude haben unter anderem in die Literatur Eingang gefunden (Stefan Heym: Lenz oder die Freiheit. Ein Roman um Deutschland).

Nach dem 1. Weltkrieg lag Baden und damit Karlsruhe in der entmilitarisierten Zone. Damit war die Nutzung obsolet und das Gebäude wurde der Universität Karlsruhe (TH) übereignet. In diesem Prozess erfuhr das Gebäude wiederum eine Nutzungsveränderung. Der damalige Ordinarius des Instituts für Straßen- und Eisenbahnwesen und damaliger Zuständiger für das Fach Verkehr Otto Ammann nutze das Gebäude zum Aufbau eines Verkehrsmuseums. Trotz der Zerstörungen im zweiten Weltkrieg 1944 (vom Gebäude standen nur noch die Außenmauern, viele Exponate des Museums gingen unwiederbringlich verloren) wurde das Museum auch von seinem Nachfolger Friedrich Raab in dieser Tradition bis zum Ende der 1960er-Jahre weitergeführt. Dabei erfolgte der Wiederaufbau des Gebäudes 1956 im Innenausbau im Stil und der Bautechnik der damaligen Zeit. Seit 1967 hat das Institut für Verkehrswesen seinen Sitz in diesem Gebäude 10.30, welches – wohl bereits unter der Leitung von Otto Ammann – und Friedrich Raab – als „Verkehrstechnisches Institut“ bezeichnet wird. Das Gebäude stellt mit dem (ersten) Erstellungsjahr 1779 das älteste Gebäude aller der Universität Karlsruhe bzw. dem KIT zugeordneten Gebäude dar.

Zeughaus

Absolventen und Ausgründungen

Eine Vielzahl von Absolventen (Diplomierte und Promovierte) haben die Verkehrsforschung, die Verwaltung und auch die Mobilitätsindustrie in Deutschland erfolgreich vorangebracht. Das Institut war an der Besetzung ganzer Generationen von Lehrstühlen durch Absolventen beteiligt, aber auch in der Verwaltung und in der Industrie hat das IfV Spuren hinterlassen: Aktuell (2020) kann das IfV immerhin einen Vorstandsvorsitzenden eines DAX30-Unternehmens (Carsten Spohr, Lufthansa AG) als Absolventen (Diplomanden) vorweisen.

1979 wurde aufbauend auf am IfV erarbeiteten Forschungserkenntnissen die PTV (PTV Planung Transport Verkehr) aus dem IfV ausgegründet. Innovative Ansätze zur Modellierung und Abbildung von Verkehr, die zuvor am IfV in der Forschung prototypisch entwickelt wurden, wurden dort sukzessive zu marktfähigen und erfolgreichen Softwareprodukten ausgebaut. Mittlerweile wird die PTV AG als Weltmarktführer bei Verkehrsplanungs- und Verkehrsmodellierungssoftware angesehen.